Christian Wehner als INSIDER der Woche
Über Kreativität
Christian Wehner ist der Headliner des 1. Digital Marketing Days am 13. Mai auf dem Gipfel. Wehner hat zweimal den Hauptschulabschluss nicht geschafft als Jugendlicher und ist heute als Senior Director Innovation Strategy bei SAP, Bestseller-Autor und ein cooler Typ mit klarem Blick auf die Realität.
Der Digital Marketing Day auf dem Gipfel ist übrigens auch solo buchbar: https://www.inside-branchen-gipfel.de/dmd
INSIDE: „Alles, was du im Leben wissen musst, hast du schon im Kindergarten gelernt” – so heißt dein Buch-Bestseller. Was hat dich bewegt, es zu schreiben?
Christian Wehner: Ich habe beim Heranwachsen meiner Kinder gemerkt, dass ein Großteil der Antworten, nach denen wir alle suchen, nicht neu sind. Die sind alt. Vieles haben wir mal gewusst und dann offenbar vergessen. Wir waren alle mal verdammt viel schlauer, als wir es heute sind. Als Kinder. Und dann wächst man heran und das Erste, was man macht, ist jegliche Form von Naivität zu killen, um zu überleben. Ich wollte verstehen, was wir da verlieren. Und ob man es zurückholen kann.
Deine eigene Geschichte ist das beste Beispiel dafür, dass du richtig liegst. Du bist zweimal am Hauptschulabschluss gescheitert. Heute bist du Top-Manager bei SAP. Deine Geschichte ist beeindruckend. Dennoch: Es gibt sie doch heute eigentlich nicht mehr wirklich. Du bist eine krasse Ausnahme. Wie viele Mütter und Väter meiner Schulfreunde waren Aufsteiger aus kleinen Verhältnissen und dann in verantwortlichen Jobs. Heute? Ich kenne kaum mehr solche Biografien. Schreibst du nicht eigentlich mehr über einen Traum als über die Realität?
Du hast Recht und du hast Unrecht. Ja, mein Weg ist sicher eine Ausnahme und ich vermarkte ihn auch keineswegs als Blaupause. Ich habe zweimal den qualifizierenden Hauptschulabschluss nicht geschafft. Kein einziger Tag auf einer weiterführenden Schule. Mein erster Berufseinstieg waren richterlich verordnete Strafstunden im Schwimmbad vor meinen ehemaligen Schulkameradinnen. Das war mir selbst lange peinlich. Ich schreibe nicht, weil meine Geschichte reproduzierbar ist. Ich schreibe, weil sie zeigt, dass diese Etiketten auch lügen. Das System hat mich zweimal aussortiert. Und ich hab’s trotzdem nicht geglaubt.
Was meinst du mit „Schule des Vergessens“?
Rick Rubin hat mir mal einen Satz mitgegeben: „Knowledge generates ignorance.“ Wir replizieren Wiederholungen, für die wir mal gelobt wurden, und hören auf, wirklich zu denken. Wir haben jahrzehntelang Wissen angehäuft. Methoden. Frameworks. Prozesse. Und jetzt merken wir: Vieles davon ist Ballast. Die KI kann das alles besser. Was sie nicht kann: vergessen, dass es Regeln gibt. Wir brauchen keine neuen Inhalte. Wir brauchen das Verlernen alter Gewissheiten. In einer Welt voller dunkler Wolken und Krisen und Überkomplexität: Das Urvertrauen ins Gute ist dahin.
Wie gehst du damit persönlich um?
Schlecht manchmal, es wäre gelogen zu sagen, dass mich das alles nicht trifft. Kinder lösen Probleme kollaborativ, wir Erwachsenen lösen sie isolativ. Das finde ich so bezeichnend. Ich versuche, das bewusst wieder anders zu machen. Nicht jeden Tag. Nicht immer. Aber wenn eine Frage kommt, die noch nicht da war, so gehe ich ihr nach, sonst ist sie schnell wieder weg. Ich kenne meinen Kopf.
Was machst du bei SAP als Senior Director Innovation Strategy?
Ich bin im Brand- und Creative-Bereich verortet und bin eine Mischung aus Storyteller und Trendscout. Meine Aufgabe ist es, Fragen zu stellen. Aber ich kokettiere damit eigentlich ungern, weil Titel für mich fast eine Limitierung sind. Ich versuche, mich eher als Verb zu begreifen denn als Nomen. Was ich tue: Ich verbinde Punkte, die andere noch nicht verbunden haben. Und ich öffne Räume, in denen andere das auch wieder wagen.
Gelingt dir das im Alltag? Komplexität rausnehmen, dir selbst vertrauen?
Nicht immer. Ich laufe auch noch in vieles naiv rein. Aber inzwischen kann ich Muster ableiten.
Was bringst du mit auf den Gipfel?
Meine Frau und ich sind seit der Jugend zusammen. Ihr Vater ist Künstler. Ich komme aus einem Arbeiterhaushalt. Diese zwei Welten hätten unterschiedlicher nicht sein können.
Und genau da passierte etwas. Durch sie, durch ihn, habe ich zum ersten Mal wirklich verstanden, was Kreativität bedeutet. Nicht als Fähigkeit. Als Haltung. Als die Überzeugung, dass in jedem Moment eine Schönheit steckt, die noch nicht jeder sieht. Das hat mir Halt gegeben. Mehr als jeder Abschluss, den ich nie hatte. Mehr als jeder Titel, der irgendwann kam. Also, was nehme ich mit auf den Gipfel? Diese Haltung. Die Fähigkeit, hinzuschauen. Und die Überzeugung, dass der, der Schönheit sehen kann, auch Lösungen sieht, die andere noch nicht sehen.